Social Media-Formate sind monologisch—auch wenn wir pausenlos vom Dialog und von Gesprächen reden. Mit Branch entsteht gerade eine Plattform, in der dialogisch publiziert wird. Sie verspricht so einfach, minimalistisch und durchdacht zu werden, wie es Blogger und Twitter waren. Branch hat Chancen, zu einem next big thing in den Social Media zu werden.
Branch gibt es erst in einer privaten Alphaversion; ich hatte selbst noch keine Chance den Service zu benutzen. Man kann aber einige Konversationen auf Branch ansehen und sich mit Twitter einloggen, wenn man über Fortsetzungen informiert werden will. Eine Person eröffnet den Dialog und lädt andere Teilnehmer ein. So entsteht eine Art Mischung von Blogpost und Kommentarthreads. Die Beiträge haben eine Maximallänge. Aus dem Namen des Dienstes lässt sich erschließen, dass sich Unterhaltungen auf Branch auch verzweigen können. Gespräche können nach einer bestimmten Zeit geschlossen werden. (Siehe Screenshot, [Quelle]):
Eine erste Version von Branch wurde über Twitter realisiert, und auch jetzt scheint eine enge Integration mit Twitter vorgesehen zu sein. Anders als bei Twitter sind Diskussionen bei Branch ein ausdrücklich geplantes Event; sie werden, wie es im Social Media Lingo heisst, "kuratiert".
Twitter steht auch noch in einem anderen Sinne Pate für Branch: Die Firma Obvious, zu deren Eigentümern mit Biz Stone und Evan Williams zwei der Gründer von Twitter gehören, hat in Branch investiert und das Startup schon in einer sehr frühen Phase bekannt gemacht. Evan Williams hatte vor 12 Jahren bei den Pyra Labs Blogger gegründet. Er dürfte als einer der wichtigsten Entwickler neuer Formen des Web Publishing in die Geschichte eingehen.
Anil Dash, Evan Williams, Meg Hourihan, Matt Haughey und Paul Bausch unterhalten sich in How do blogs need to evolve? über Branch; auch aus der Diskussion Have web comments failed? lässt sich einiges über die Konzepte hinter dem neuen Service entnehmen. Es geht nicht um eine neue Technik, sondern um ein neues Format für qualitätvolle Inhalte. Damit sollen Fragen beantwortet werden, die das Format "Blogkommentar" schon lange stellt: Wie eng gehören Post und Kommentar zusammen? Was gehört in einen Kommentar und was in ein eigenes Post? Wie beeinflusst die Qualität der Kommentare die Qualität eines Blogs, und was kann/sollte man als Betreiber eines Blogs dulden, was nicht?
Wie Branch wirklich funktionieren wird, lässt sich noch nicht sagen. Die Entwickler sind mit ihrem Konzept noch nicht fertig. Branch verspricht jedenfalls eine neue Form zeitbasierten Publizierens, und allein die Diskussionen über Branch (und ihre Teilnehmer) zeigen, dass bei dieser Entwicklung zentrale Fragen des Online-Publishing berührt werden.
Informationen zu dem Projekt findet man im Branch Bulletin und auf Twitter. Das wohl meistgelesene Post zu Branch stammt von MG Siegler: The Branching Of Content. Dort finden sich weitere Links.
Google entwickelt gerade mit den Hangouts ein neues Video-Format für Online-Diskussionen und Kommentare. Als Hangouts On Air werden diese Diskussionen schon bald publizierbar sein. Branch als minimalistisches textbasiertes und die Hangouts als multimediales Diskussionsformat kündigen eine neue Generation von kollaborativen Publikationsformen an.
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